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 Frau Jäger

Ich hatte sie schon häufiger gesehen. Meinen Gedanken, sie anzusprechen, hatte ich immer wieder verworfen. Ich beobachtete sie nur. Sie ging, ohne aufzusehen oder sich umzudrehen. Anders als Tierhalter sonst. Die stehen meist da und warten, dass die Leute ihren Hund oder ihre Katze bewundern. Diese Frau hatte die zwei Tiere an der Leine, die beiden turnten über ihrem Arm, ihre Schulter, balgten sich auf dem schmalen Grat, tauchten ab in ihre Kapuze und spähten mit klugen Kugelaugen über den Rand.

Heute sehe ich sie wieder. Sie geht zwei Schritte vor mir, wie immer in jägergrüner Jacke, Kniebundhose und Wollstrümpfen. Über die Schulter hängt eine spitze Tasche wie für einen Regenschirm. Oder ist es ein Gewehr? Die Frau neigt den Kopf über ihre beiden Zögling, sie kuscheln sich in ihre Armbeuge, sitzen ganz still. Sie sind eine Einheit. Ich will mich überwinden, sie anzusprechen, aber ich traue mich nicht. Warum nur? Möglicherweise ist heute die letzte Gelegenheit dazu. Mit Reisenschritten ist sie schon weit vorn. Ich laufe hinter  ihr her, durchstoße ihre gläserne Wand.

„Entschuldigen Sie“, sage ich. Sie schaut auf, ihr Blick, als komme sie aus einer fremden Welt, ihr Blick entschuldigt nichts. „Was sind das für Tiere?“

Sie zögert. Zögert, ehe sie mir antwortet. Die Tiere schlängeln ihre biegsamen Körper um ihren Hals, räkeln sich, als wüssten sie, dass es um sie geht. Ob sie sie denn im Hause hielte. Und ob es ginge, in der Wohnung, frage ich. Ihr Gesicht wird spitz. Sie wären ja an der Luft, sagt sie, den ganzen Tag, das wäre ausreichend, sagt sie, das ginge. Sie wendet sich ihren Tieren zu. Dann hätte sie wohl beruflich im Freien zu tun, vermute ich und denke an ihre Jägerkleidung.

„Ja!“ sagt sie und sieht mich das erste Mal an. Kleine schwarze Augenperlen. „Ja. Gott sei dank nicht mit Menschen!“ Ihre Eisstimme klirrt. Der Glasvorhang fällt, das Gespräch ist beendet. Ich lasse mich gleich zurückfallen wie ein mutloser Läufer. Sie ist im Nu an der Ampel, über die Straße, verschwindet hinter den Sträuchern an der Alsterböschung. Was hatte sie noch gesagt? Illtis? Marder? Frettchen? Biegsame Tier, braunes Fell mit hellen Streifen. Wenn ich nur wüsste, was sie geantwortet hat!

***

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Knast

Erst wollte ich lieber in der Bahn stehen bleiben. Dann habe ich mich doch hingesetzt.

„Ich muss aufpassen“, sagt der Mann mir gegenüber, die tätowierte Spinne auf seinem Handrücken zittert, „ich habe ja keine Karte.“

„Die sind hier nicht so“, beruhigt ihn der Dunkle mit dem Kindergesicht neben ihm, „hier wirst du erst mal aufgeschrieben. – Nicht gleich so!“ sagt er und kreuzt die Unterarme.

„Ach so“, sagt der andere, und die Spinne auf seiner Hand beruhigt sich. „Ich habe nämlich nichts mehr vom Entlassungsgeld. Ich bin einfach rauf, nach Hamburg.“ Der Dunkle nickt. „Ich will ein neues Leben anfangen.“ Der Dunkle wiegt bedächtig den Kopf. „Meine Schwester wohnt hier, die hat gesagt, kannst doch zu mir kommen. Die hat noch zu mir gehalten. Mein Stiefvater hat gesagt, mach, dass du wegkommst! Dann weiß man nicht, wohin. Da bin ich weg aus Düsseldorf. Einfach rauf!“

Die beiden schweigen. Der Blonde mit der Spinne reckt den Hals, um die Namen der Stationen zu lesen.

„Meine Schwester wird sich wundern, wo ich die zwei Wochen war.“ Er lacht durch die Nase. „Aber für die andern, da bist du doch immer derjenige! Einmal Verbrecher, immer Verbrecher. Da haben sie mich einfach eingelocht.“

Die Spinne auf der Hand wirkt müde, der Handrücken ist schuppig, die Spinne auch.

„Nicht, dass mir das was ausmacht“, sagt er, „ich kenn’ mich ja aus. Ich bin jetzt 34. Davon war ich neun Jahre drinnen. Das macht mir nichts aus. Aber die denken, kaum ist man draußen, stellt man wieder was an. Da ist man zur falschen Zeit am falschen Ort. – Und schon sind sie wieder da bei!“ Er hält die gespreizten Finger vors Gesicht.

Der andere guckt ihn an und zuckt die Achseln.

„Und wer war’s?“, fragt er.

„Ein paar Junkies. Die haben die Alte überfallen. Dabei war ich erst einen Tag draußen gewesen.“

Die beiden starren vor sich  hin.

„Ich will jetzt clean bleiben“, sagt er, „nichts mehr mit Knast. In Ruhe leben. Irgend ‚ne Arbeit. Irgendwas findet man schon."

Das Kindergesicht nickt zustimmen.

„Hier in Hamburg kennt dich ja keiner, da kannst du erst mal arbeiten – Wo muss du raus? Barmbek? Dann musst du noch weiter. Ich muss hier aussteigen. Also, man sieht sich!“

Sie klatschen die Handflächen der rechten Hand gegeneinander.

„Man sieht sich“, sagt der mit der Spinnenhand.

Die Bahn hält, der Dunkle öffnet die Tür.

„Das Leben draußen ist nicht gerade leicht“, ruft der Blonde ihm nach. „Einmal Gefängnis, immer Knacki!“

 

Jetzt guckt er mich an. Meint mich. Und ich habe mich zu spät entschlossen wegzusehen.

„Das Leben draußen ist nicht gerade leicht“, wiederholt er in meine Richtung.

Okay, denke ich, ich rede mit dir, denke ich, ich will mich nicht abwenden, denke ich noch. Sehe seine Augen. Rund. Kugelrund, kinderrund. Sein rechtes Auge ist trüb. Blind.

„Da brauchst du nur in der Nähe zu sein“, sagt er, „schon bist du wieder dran. Was nützt es dir, dass du nichts getan hast? Nichts. Die Polizisten, die glauben einem einfach nicht. Dabei will ich sauber bleiben. Eingelocht? Ich nicht mehr. Aber die, die glauben einem nicht.“

Er sieht mich so an, da muss ich einfach antworten. Da muss ich einfach mitdenken. Mitfühlen.

„Die wissen vielleicht, wie stark man sein muss“, sage ich, „die wissen, das ist so schwer, das schaffen die meisten nicht. Das wissen die doch. Und darum glauben sie, sie haben recht.“

„Ja“, sagt er, und seine Spinne wird munter, „oder so! – Ja, das ist es!“

Er steht auf, reicht mir seine graue, schuppige Spinnenhand. Und ich nehme sie, ich denk noch, ich kann mir ja zu Hause die Hände waschen, nehme seine Hand und schüttele sie. Und er geht zur Tür.

„Meine Schwester, die wundert sich bestimmt, wo ich die zwei Wochen war. Man hat ja keinen mehr“, sagt er, „die kennen dich doch nicht mehr, wenn du rauskommst.“

***

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Rocky

„Hier sehen Sie Rocky, den stärksten Mann der Welt! Hundert Mark für den, der Rocky besiegt. In einem fairen Boxkampf über 3 Runden. – Meine Damen, steigt der Mann Ihrer Wahl für Sie in den Ring? Wer will noch mal, wer hat noch nicht?“

Der Mann am Mikrophon streicht seine Stirnlocke zurecht. Gunnar, genannt Rocky, spielt mit seinen Muskeln. Eine Frau kichert. Ein kleiner, schmaler Mann mit großen, roten Händen und ein schlaksiger Junge mit Pickelgesicht springen auf die Bühne.

„So, so, ihr wollt es wagen!“

Rocky tänzelt, springt in die Hocke und wieder hoch.

„Machen Sie sich warm, meine Herren. Es soll ja ein fairer Kampf werden.“

„Es wird Zeit, dass ihr anfangt,“ sagt eine Blondine. „Rocky, du machst das schon.“ Sie streicht über den gewölbten Oberarm.

„Elvira, lass ihn in Ruhe. Wenn er noch einen Kampf hat, sollst du ihn nicht heiß machen,“ knurrt der Mikrofonmann.

„Du mischst dich auch in alles ein!“, sagt Elvira.

Rocky legt ein Handtuch um die Schulter. Die beiden Kandidaten werden in den Ring geführt.

 

Rocky liegt ausgestreckt auf der Couch, auf dem Gesicht feuchte Tücher. Die Luft im Wohnwagen ist stickig. Die Tür wird aufgerissen.

„Der Herr macht mal wieder eine Ruhepause!“ knarrt eine Frauenstimme, und ein schwerer Körper drängt sich durch die Tür.

„Die Schwiegermutter. Da denkt man nichts Böses!“

„Ich werde ja mal nach meiner Tochter sehen dürfen. Hast wohl was auf die Mütze gekriegt von deinem letzten Gegner. Der Herr ist nicht mehr so fit!“

Die Schwiegermutter öffnet die Schranktüren.

„Wo ist sie hin?“ fragt sie.

„Im Schrank ist sie nicht! Sie ist einkaufen.“

„Weg?“ sagt sie. „Das ist das beste, was sie machen kann. Ein Preisboxer, der verliert! Da muss sich die Frau ja aus dem Staub machen.“

Rocky fährt hoch. Die Tücher rutschen von der Stirn.

„Mach, dass du rauskommst!“ brüllt er.

„Du wirst deiner Schwiegermutter doch nicht die Tür weisen.“

„Genau das!“

„Immerhin gehörte hier alles auch meiner Tochter.“

Rocky greift nach dem Stuhl, hebt ihn in die Höhe und lässt ihm mit voller Kraft auf den Tisch sausen. Die Stuhlbeine splittern.

„Um Himmels willen. Bist du wahnsinnig!“ ruft sie.

„Er ist durchgedreht, Hugo!“ keucht sie aus der geöffneten Tür hinaus. Sie hastet zu dem Mann an der Kasse.

„Schon wieder?“ sagt der gelassen. „Der kann ganz eklig werden, der Bursche. Das kennen wir schon,“ und er beugt sich vor:

“Er hat schon mal einen...“ Er deutet mit der Hand einen Schnitt durch die Kehle an.

„Um Himmels willen!“ stöhnt die Frau auf und rennt.

„Der ist wahnsinnig!“ schreit sie über den Rummelplatz. „Einfach ausgeflippt.“

Rocky geht zu Hugo.

„Der Stuhl ist nun ganz hin!“ sagt Rocky.

„Der gehörte doch ohnehin in den Müll!“ sagt Hugo.

„Und? Wie hat’s gewirkt?“ fragt Rocky und wischt sich die blaue Farbe vom Gesicht.

„War super. Die war in Panik! Die bist du drei, vier Wochen los“, sagt Hugo. „Mindestens.“Rocky

„Hier sehen Sie Rocky, den stärksten Mann der Welt! Hundert Mark für den, der Rocky besiegt. In einem fairen Boxkampf über 3 Runden. – Meine Damen, steigt der Mann Ihrer Wahl für Sie in den Ring? Wer will noch mal, wer hat noch nicht?“

Der Mann am Mikrophon streicht seine Stirnlocke zurecht. Gunnar, genannt Rocky, spielt mit seinen Muskeln. Eine Frau kichert. Ein kleiner, schmaler Mann mit großen, roten Händen und ein schlaksiger Junge mit Pickelgesicht springen auf die Bühne.

„So, so, ihr wollt es wagen!“

Rocky tänzelt, springt in die Hocke und wieder hoch.

„Machen Sie sich warm, meine Herren. Es soll ja ein fairer Kampf werden.“

„Es wird Zeit, dass ihr anfangt,“ sagt eine Blondine. „Rocky, du machst das schon.“ Sie streicht über den gewölbten Oberarm.

„Elvira, lass ihn in Ruhe. Wenn er noch einen Kampf hat, sollst du ihn nicht heiß machen,“ knurrt der Mikrofonmann.

„Du mischst dich auch in alles ein!“, sagt Elvira.

Rocky legt ein Handtuch um die Schulter. Die beiden Kandidaten werden in den Ring geführt.

 

Rocky liegt ausgestreckt auf der Couch, auf dem Gesicht feuchte Tücher. Die Luft im Wohnwagen ist stickig. Die Tür wird aufgerissen.

„Der Herr macht mal wieder eine Ruhepause!“ knarrt eine Frauenstimme, und ein schwerer Körper drängt sich durch die Tür.

„Die Schwiegermutter. Da denkt man nichts Böses!“

„Ich werde ja mal nach meiner Tochter sehen dürfen. Hast wohl was auf die Mütze gekriegt von deinem letzten Gegner. Der Herr ist nicht mehr so fit!“

Die Schwiegermutter öffnet die Schranktüren.

„Wo ist sie hin?“ fragt sie.

„Im Schrank ist sie nicht! Sie ist einkaufen.“

„Weg?“ sagt sie. „Das ist das beste, was sie machen kann. Ein Preisboxer, der verliert! Da muss sich die Frau ja aus dem Staub machen.“

Rocky fährt hoch. Die Tücher rutschen von der Stirn.

„Mach, dass du rauskommst!“ brüllt er.

„Du wirst deiner Schwiegermutter doch nicht die Tür weisen.“

„Genau das!“

„Immerhin gehörte hier alles auch meiner Tochter.“

Rocky greift nach dem Stuhl, hebt ihn in die Höhe und lässt ihm mit voller Kraft auf den Tisch sausen. Die Stuhlbeine splittern.

„Um Himmels willen. Bist du wahnsinnig!“ ruft sie.

„Er ist durchgedreht, Hugo!“ keucht sie aus der geöffneten Tür hinaus. Sie hastet zu dem Mann an der Kasse.

„Schon wieder?“ sagt der gelassen. „Der kann ganz eklig werden, der Bursche. Das kennen wir schon,“ und er beugt sich vor:

“Er hat schon mal einen...“ Er deutet mit der Hand einen Schnitt durch die Kehle an.

„Um Himmels willen!“ stöhnt die Frau auf und rennt.

„Der ist wahnsinnig!“ schreit sie über den Rummelplatz. „Einfach ausgeflippt.“

Rocky geht zu Hugo.

„Der Stuhl ist nun ganz hin!“ sagt Rocky.

„Der gehörte doch ohnehin in den Müll!“ sagt Hugo.

„Und? Wie hat’s gewirkt?“ fragt Rocky und wischt sich die blaue Farbe vom Gesicht.

„War super. Die war in Panik! Die bist du drei, vier Wochen los“, sagt Hugo. „Mindestens.“***

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